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 Die Liberalkatholische Kirche besteht, um das Werk ihres
Herrn — Christus — in der Welt zu fördern und « seine
Herde zu weiden ». Dies sind die Eingangsworte der « Dar-
legung der Grundsätze », eines offiziellen Dokumentes der
Liberal-katholischen Kirche. Der Zweck der Christlichen
Kirche als Ganzes oder jedes einzelnen Teiles davon kön-
nte nicht prägnanter ausgedrückt werden. Das Ziel dieser
Broschüre ist jedoch, die Aufgabe der Liberalkatholischen
Kirche als einer Organisation darzulegen, die sich von
anderen christlichen Gemeinschaften unterscheidet. Das
zuvor gesagte könnte von jeder Kirche - katholisch oder
protestantisch - gesagt werden. Wir müssen aber die
Frage beantworten: « Wenn es schon so viele Kirchen
gibt, warum sollte eine neue in Erscheinung treten zu
dieser späten Stunde des Tages?

in den letzten Jahren ist viel über die Notwendigkeit
christlicher Einheit geschrieben und gesprochen worden.
Von den verschiedensten Bekenntnissen sind Gebetsgot-
tesdienste für die Einheit abgehalten worden. Die Liberal-
katholische Kirche stimmt solchen Bestrebungen voll zu,
aber für sie muß die ersehnte Einheit eine innere Einheit
sein, eine Einheit des Geistes: jene Gottesstadt, die der
heilige Johannes in seiner Vision sah. Daraus ist nicht zu
folgern, daß eine äußere Einheit der Organisation not-
wendig oder auch nur wünschenswert ist, solange unter
der Menschheit solche Verschiedenheiten im Geist und im
Denken herrschen. Wesentlich wäre, daß ein Geist der
Toleranz und des Verstehens unter den Christen herrscht,
und daß keine Konfession den Versuch macht, eine Vor-
rangstellung einzunehmen und die bereits bestehenden
Organisationen an sich zu reißen.

Daraus folgt nicht, daß das Bestehen einer, einer einzigen
Christlichen Kirchen-Organisation in dieser Welt not-
wendigerweise ausschließlich zum Vorteil des Glaubens
wäre. Mehrere kleinere Gemeinschaften, die gegenwärtig
bestehen, geben immerhin ihren Mitgliedern das Gefühl,
daß sie am richtigen Platz sind, daß ihre Arbeit notwendig
ist, und daß die Stimmen der Einzelnen gehört werden. So
viel muß gesagt werden, um deutlich zu machen, daß es
keinesfalls notwendig ist, sich für das Vorhandensein
dieser Kirche als einer besonderen Organisation zu ent-
schuldigen.

Es bleibt noch zu erklären, daß wir der Ansicht sind, daß
die Liberalkatholische Kirche etwas zu bieten hat, wovon
wir glauben, daß es nicht anderweitig gefunden werden
kann, das heißt, daß die Liberalkatholische Kirche ihre
eigene Daseinsberechtigung und Rechtfertigung hat.

Vor allem gibt es in diesen Tagen und in unserer Zeit
Fragende und Sucher nach Wahrheit. Sie sind nicht über-
zeugt, daß Kirchen, irgendwelche Kirchen, existieren müs-
sen, sind sich aber noch eines geistigen Auftrages be-
wußt und gewillt, darüber eine Meinung zu hören. Um
den Sachverhalt so unparteiisch wie möglich darzu-
stellen: Es bedarf einer Organisation, die als Brennpunkt
von Glaube und Meinung in geistigen Angelegenheiten
wirkt. Die Kirchen, die sich als katholisch » betrachten,
wie die Römische_Kirche, die Anglikanische und die
verschiedenen Orthodoxen Kirchen von Osteuropa,
diese glauben, daß die Christliche Kirche ihr Dasein
Christus allein verdankt, und daß Er die Kirche ge-
gründet hat, von der sie alle, einschließlich der Liberal-
katholischen Kirche, ihr Bestehen herleiten, um der
Menschheit Seine Lehre und Seinen Segen zu ver-
mitteln. Dies alles geschieht nicht allein durch das ge-
sprochene Wort, sondern auch durch den mystischen
Ritus, das Mysterium der Eucharistie und durch die
anderen sakramentalen Handlungen der Kirche. Durch
diese Handlungen und durch die Gelegenheiten zum
Gottesdienst und zur Andacht, die in ihren Gottes-
diensten und Gotteshäusern dargeboten werden, kann
sich — so glaubt die Kirche — der Mensch besser dem
Heiligen nahen als durch irgendeinen dialektischen
Vorgang. Sind wir bei dieser Sachlage nicht berechtigt,
eine kirchliche Gemeinschaft aufrecht zu erhalten, die
sich von den anderen Kirchen in dieser Arbeit unter-
scheidet? Wir glauben, dazu nicht nur berechtigt zu
sein, sondern, daß wir dies tun müssen.

Die größeren katholischen Kirchen, die den Andächtigen
die traditionellen rituellen Handlungen der Christenheit
bieten, und die Sakramente der Eucharistie, Taufe,
Firmung, Absolution, heiligen Ölung, Ehe und heiligen
Weihen spenden, durch welche sie die Gnade des Herrn
auf die Gläubigen übertragen, legen alle bestimmte Ver-
pflichtungen auf und verlangen von ihren Mitgliedern
deren unbedingte Annahme, Viele Gottesdienstbesucher
fühlen heute, daß diese Verpflichtungen ein Hindernis für
den wahren Glauben sind und immer für diejenigen ein
Hindernis waren, die ihre religiösen Ansichten als liberal
bezeichnen würden. Besonders die Römische Kirche ver-
langt, daß einem ausführlichen und einschränkenden
Lehrgebäude zugestimmt wird, bevor sie die Sakramente
spendet. Dies trifft auch größtenteils auf die Kirche von
England und ihre angeschlossenen Kirchen zu, deren
Priester zum Beispiel alle den « 39 Artikeln » zustimmen
müssen und deren Mitglieder, wenigstens in gewissem
Ausmaß, mit der in diesen Artikeln autorisierten Lehre
einverstanden sein müssen. Im Falle der Römischen
Kirche ist —ungeachtet der kürzlichen Maßnahmen zur
Einführung des Gebrauches der Landessprache — die
eigentliche Bedeutung von vielem, was im Verlauf der
Gottesdienste gesprochen wird, noch nicht voll gewürdigt
worden. Früher mag dies auf den Gebrauch des latein-
ischen Textes zurückzuführen gewesen sein, was bei der
anglikanischen Kirche natürlich nicht der Fall ist. Viele
Mitglieder derselben würden niemals die in ihren Gottes-
diensten zum Ausdruck gebrachten Gedanken tolerieren,
wäre es nicht aus bloßer Gewohnheit und wegen der
Schönheit der Sprache. Teile der anglikanischen Litanei
drücken eine Einstellung zu Gott und zur Religion aus,
welche die meisten liberalen Katholiken höchst unpas-
send fänden, da sie tatsächlich im Gegensatz zu dem
Begriff eines guten Gottes stehen. Was soll zum Beispiel
ein liberaler und humaner Kirchenmensch damit anfangen:
« Verschone uns guter Herr, verschone Dein Volk, das Du
mit Deinem kostbaren Blut erlöst hast, und sei nicht für
immer zornig auf uns »? Wir Liberalkatholiken glauben da-
gegen, daß es möglich sein sollte, an den Sakramenten
der Kirche teilzuhaben und mit Andacht und Gebet näher
zum Herrn zu kommen, ohne in ein Flehen an einen
zornigen Gott einzustimmen, wie es von einer engen
persönlichen und egozentrischen Natur zeugt, und ohne
einem Lehrgebäude zuzustimmen, das nicht im Einklang
zum Verstehen der Natur Gottes ist.

Seitdem es für so viele unmöglich geworden ist, ehrliche
Mitglieder solch traditioneller Kirchen zu sein, scheint es
für diejenigen, die wie wir denken und fühlen, wesentlich,
innerhalb der katholischen Kirche ihre eigene Organisation
zu haben. Dies ist darüber hinaus bedeutsam nicht nur,
weil wir es schwierig finden, die Lehre anzunehmen und
Meinungen der anderen Kirchen stillschweigend anzuer-
kennen, sondern auch, weil viele von uns Lehren und
Meinungen akzeptieren, die mit denen anderer Kirchen
unvereinbar wären.
Das Verlangen und die Funktion der Liberalkatholischen
Kirche ist nicht nur negativ, um fehlerhafte Ideen zu ver-
meiden, sondern konstruktiv, um die Fülle des Glaubens
zu fördern. Sie versucht auch, in ihrer Liturgie eine
Das Verlangen und die Funktion der Liberalkatholischen
Kirche ist nicht nur negativ, um fehlerhafte Ideen zu ver-
meiden, sondern konstruktiv, um die Fülle des Glaubens
zu fördern. Sie versucht auch, in ihrer Liturgie eine
positivere und vielleicht folgerichtigere freudige Haltung
in ihrer Eucharistie zu zeigen, die mit der allgemeinen
Tendenz ihrer Lehre in Einklang ist.
 
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