Im Gedenken des hl. Franziskus zum Welttierschutztag
Von Pfarrer Julius Fleischanderl (Graz)
Seit Mai 1931 wird der 4. Oktober in vielen Kultur.taaten als Welttierschutztag gefeiert, im Gedenken des hl. Franziskus von Assisi, der als Schutzpatron der Tiere anerkannt wird. Auch unsere Liberalkatholische Kirche feiert diesen Gedenktag mit und hat in der Liturgie ein Gebet mit folgendem Wortlaut:
„Allmächtiger und barmherziger Vater, dessen sorgende Liebe und Güte über Deiner ganzen Schöpfung wacht, hauche ein in uns Deinen Geist des Mitgefühls und der Güte gegenüber allen Geschöpfen, die Du erschaffen hast, in denen Du das innewohnende Leben bist. Lehre uns, unsere jüngeren Brüder als ein von Dir anvertrautes Gut zu betrachten, auf daß bald der Tag kommen möge, an dem die Menschen nichts mehr verletzen oder zerstören auf Deinem heiligen Berge. Durch Christus, unsern Herrn." Amen.
Wenn auch dieser Tag in unseren westlichen Ländern noch lange auf sich warten läßt, so müssen wir alles tun, die Leiden der gequälten Kreatur zu lindern. Viel geschieht in dieser Hinsicht durch die Tierschutzorganisationen in aller Welt, doch auch die christlichen Kirchen müssen mithelfen, den Tieren Schutz zu gewähren und Anwalt ihres Lebensrechtes zu sein. Man spricht zwar dem Tier keine Seele zu, wie dem Menschen in seiner gotteseben-bildlichen Natur, doch hat die moderne Verhaltensforschung bewiesen, daß auch die Tiere eine Psyche haben. Die Zeit ist vorbei, wo ein Descartes mit seinem cogito ergo sum - ich denke, darum bin ich - vor 100 Jahren noch erklären konnte, daß es sich bei den Schmerzensäußerungen der Tiere nur um Reflexbewegungen der Nerven handle.
In der frühchristlichen Zeit hatten die Menschen eine viel engere Beziehung zum gezähmten Haustier. Denken wir an den hl. Hieronymus, den großen Bibelgelehrten und Beherrscher von sieben Sprachen, mit seinem Hund und Löwen, wie ihn Albrecht Dürer in seinen beiden Holzschnitten so schön dargestellt hat. Hieronymus verdanken wir die Vulgata. Er starb 420 n. Chr., und viele schöne Legenden ranken sich um seine Tierliebe, und es ist bekannt, daß er deshalb auch den Fleischgenuß gemieden hat. Etwas später finden wir Benedikt von Nursia und Franziskus von Assisi, die beide von der Kirche heilig gesprochen wurden, doch ihre Tierliebe und asketische Lebensweise wird heute wenig beachtet. Die Benediktiner leben nach der „abgeänderten Benediktinerregel", und man schlachtet in ihren Stiften und Klöstern auch dort gemästete Schweine, Patres gehen auch auf die Jagd in ihren Revieren.
Man kann es Pastor Dr. Anders Skriver nicht verübeln, wenn er in seinem Buch „Der Verrat der Kirchen an den Tieren" den herrschenden Kirchenvertretern die Schuld gibt, doch muß man die Liberalkatholische Kirche ausklammern und auch die katholische Kirche in England. Der vor etwa 40 Jahren gegründete Catholic Study Circle for Animal Welfare in London, dessen Präsident der Erzbischof von Westminster, S. E. Kardinal John Carmel Heenan, ist, ist sehr aktiv im Tierschutz, gibt ein schön illustriertes Journal, The ARK, heraus, veranstaltet Pilgerfahrten zum Vatikan, wo Bittschriften dem Papst überreicht wurden, den Tieren mehr Schutz angedeihen zu lassen, und hat in England und Wales aktive Gruppen.
Soweit es die Liberalkatholische Kirche betrifft, so hat diese von Anfang an die Tierliebe betont. Dies geht ganz klar aus Punkt 5 der „Darlegung der Grundsätze und Zusammenfassung der Lehre" hervor:
„Der Mensch ist ein Glied in einer großen Lebenskette, die vom höchsten bis zum niedrigsten Lebewesen reicht. So wie er denjenigen hilft, die unter ihm stehen, so wird ihm auch von jenen geholfen, die über ihm auf der Lebensleiter stehen."
Jene Lebewesen, die unter dem Menschen stehen, sind die in ihrem Bewußtsein weniger entwickelten Reiche der Natur, das Pflanzen- und Tierreich. Besonders die durch die Domestizierung verbundenen Haus- und Nutztiere bedürfen des größten Schutzes im Sinne der Sprüche Salomonis 12, 10: „Der Gerechte erbarmt sich seines Viehs; aber das Herz der Gottlosen ist unbarmherzig."
Doch gerade die Nutztiere haben am meisten unter der Habgier und schrankenlosen Ausbeutung der Menschen zu leiden. Die moderne Intensivwirtschaft mit ihren automatisierten Massentierzuchten betrachtet die Nutztiere nur mehr als Fleisch- oder Eierproduzenten, sei es in den Leghühnerbatterien oder Kälbermastboxen, wo die Tiere überfordert werden und unter diesen völlig unökologischen Bedingungen zu leiden haben. Wo bleibt hier die „Ehrfurcht vor dem Lebenden" im Sinne der ethischen Forderung Dr. Albert Schweitzers?
Viele Millionen Versuchstiere müssen jährlich eines qualvollen Todes in den Forschungslaboratorien - den Altären der Wissenschaft - sterben, um vermeintliche Heilerfolge für den Menschen zu erzielen. Aus dem Leiden anderer Lebewesen kann niemals wirkliche Heilung für kranke Menschen kommen. Der Tierversuch ist grausam und sehr oft irreführend und deshalb abzulehnen, wenn er mit der Zufügung von Schmerzen für das Tier verbunden ist.
Die von manchen Ernährungswissenschaftlern behauptete Notwendigkeit des Fleischgenusses zur Gesunderhaltung des Menschen kann heute als absoluter wissenschaftlicher Aberglaube bezeichnet werden, da Millionen Menschen sich fleischlos ernähren und dabei gesund bleiben. Das ist auch der Grund, warum alle Bischöfe der Liberalkatholischen Kirche Vegetarier sind und auch die meisten Priester, obwohl der Fleischgenuß ihnen nicht verboten ist, sondern aus ethischen Motiven sie ihn meiden, wie auch den Alkoholgenuß. Viele Christen leiten ihr Recht der Tierausbeutung von dem bekannten Bibelspruch ab: „Machet euch die Erde untertan." Doch das bedeutet nicht, daß der Mensch als Krone der Schöpfung Raubbau mit den Schätzen der Natur treiben darf, wie es heutzutage geschieht,und die Rohstoffverknappung immer mehr zunimmt. Hierzu gehören auch die Tiere, die der Mensch sich gezähmt hat und die in freier Wildbahn lebenden Tiere. Die Pelztierjägerei und der Jagdsport sind ebenfalls mit der Liebe Christi nicht vereinbar, der sich selbst als der „gute Hirte" bezeichnete. Hinsichtlich der Tierliebe haben uns fernöstliche Völker, wie die Buddhisten, Jainas und auch Hindus, mit ihrer Forderung der Tugend von AHIMSA, des Nichtverletzens, viel voraus. Bei uns gelten nach dem Gesetz heute noch Tierquälereien als Sachbeschädigung! Hier haben wir also viel nachzuholen, um der Tierliebe eines hl. Franziskus von Assisi gerecht zu werden, der die Tiere als seine „jüngeren Brüder" bezeichnete und mit dem Bruder Wolf redete. Leo Tolstoi und Magnus Schwantje hatten wohl recht, wenn sie schrieben, daß, so lange es Schlachthäuser gibt, es auch Schlachtfelder geben wird, und ein Prof. Johannes Ude durch sechzig Jahre hindurch seine mahnende Stimme erhob, gegen das große Unrecht, das wir durch unsere Ausbeutung den Tieren zufügen. Daran sollten wir am Tage des Franziskus denken und eine Bekehrung erleben.
aus der Zeitschrift "Die Kirche", 21. Jahrgang, Ausgabe September 1974