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       Von Rudolf Hammer

     Des Jahres, da der König Usia starb,
sah ich den Herrn sitzen
auf einem hohen und erhabenen Stuhl,
und sein Saum füllte den Tempel.
Seraphim standen über ihm;
ein jeglicher hatte sechs Flügel:
mit zweien deckten sie ihr Antlitz,
mit zweien deckten sie ihre Füße,
und mit zweien flogen sie.
Und einer rief zum andern und sprach:
Heilig, heilig, heilig ist der Herr!
Alle Lande sind seiner Ehre voll!
Jesaja 6, 1-3
 

Der allmächtige und ewige Gott, der vor aller Zeit war, der keinen Anfang hat, der immer in Seinem Universum wirkt und es beständig erhält und entfaltet, der auch nach dem Ende der Zeiten nie aufhören wird zu sein, Er hat jegliches Geschöpf nach Seinem Willen wunderbar ins Dasein gesetzt und jedem nach Seinem Willen eine Aufgabe gegeben. Vielen hat Er die irdischen Bereiche
Betätigungsfeld zugewiesen, andere aber dienen Ihm in den höheren und verfeinerten Bereichen des Lebens, dem Menschen unsichtbar.

Das ganze Sonnensystem und mit ihm natürlich auch unser Planet Erde sind erfüllt von mächtigen übernatürlichen Wesen und Hierarchien, von denen die mächtigste die der himmlischen Heerscharen, der Engel, ist.

Die Engel sind die tätigen Ordner und Leiter hinter den Kräften der Natur. Sie beaufsichtigen die mächtigen Kräfte derselben und stellen das Gleichgewicht zwischen diesen her, weisen ihrer eigenen Entwicklung nach den einzelnen Teilen der Schöpfung deren Aufbau zu und dienen selbst als Instrumente des Lebens und der Energie Gottes in Seiner Schöpfung.

Wenn wir Menschen dieser Erde die Bedeutung der heiligen Engel richtig betrachten wollen, so ist für eine solche Betrachtung auch eine bestimmte innere Einstellung die Voraussetzung, und zwar Überzeugung und Verehrung. Der Glaube an das Dasein und das Wirken der Engel in der göttlichen Schöpfungsordnung muß uns Gewißheit sein. Und es muß unser Wille sein und unser Bemühen, die heiligen Engel als die erhabensten Geschöpfe Gottes zu verehren.

Wir müssen uns vor allem darüber klar sein, in wieweit es möglich ist, sich von ihnen, die doch Geistwesen sind, ein Bild, eine Vorstellung zu machen. Offenbarung, Überlieferung und Lehre der Kirche geben uns hierüber grundlegende Belehrungen. Sie sind Wesen aus Gottes Schöpferkraft, sind geistige Wesen und als solche mächtig erhaben über unsere menschliche Natur. Gleichwohl sind auch die Engel als Geschöpfe begrenzt in ihrem Wesen. Sie sind jedoch ihrer Natur nach höchste geistige Kräfte ohne dauerhafte bzw. physische Form und ohne Geschlecht.

Wenn die Heilige Schrift Engel bisweilen wie Männer oder Jünglinge schildert, so ist hiemit nicht gemeint, daß sie ein männliches Geschlecht angenommen hätten, sondern die männliche oder jünglinghafte Gestalt ist der Ausdruck der Kraft oder Tat bei ihrem bestimmten Wirken, bei dem sie jeweils geschildert werden.

Da alle menschliche Vorstellung dem Wandel unterworfen ist und zu verschiedenen Zeiten religiöse Tatsachen in verschiedenem Gewand und mehr oder weniger verhüllt oder ausgeschmückt dargestellt werden, so ist auch das Bildnis der Engel zu verschiedenen Zeiten verschieden gestaltet worden. Aber in den vielen Gewandungen wechselnder Zeiten hat es die gleiche grundlegende Aussage vom Wirken höherer Kräfte und Wesen stets gegeben.
Eine Ausschmückung des vorstellungsbedingten Engelbildes ist u. a. die geflügelte Gestalt. Zwar wird schon in der Heiligen Schrift von geflügelten Engelwesen gesprochen, aber das Bild der geflügelten Engel ist in der christlichen Kunst etwa erst seit dem Jahre 400 üblich. Wie durch den scheinbar angenommenen Körper das Wirken der Engel in der Körperwelt ausgedrückt wird, so ist in den Flügeln dem Erhabensein der Engel über alles Irdische wie auch für die Schnelligkeit ihres Wirkens eine Entsprechung gegeben.

Alles Wirken der heiligen Engel dient zum Nutzen der Schöpfung, dient der Entfaltung und Verwirklichung des mächtigen Schöpferwillens Gottes. Daher ist das Bildnis der Engel überstrahlt von Seiner Herrlichkeit. Sie sind ein Abglanz des ewigen Lichtes und wohnen in ihm. Auch das äußere Bildnis ihres Wesens, ihre Gestalt, ist daher gleichsam leuchtend, was einem Leuchten von innen her gleichkommt.

Von Menschen, welche die Gnade hatten, einen Blick hinter das gewöhnlich Sichtbare tun zu können, wird der Anblick der Engel als überaus zart, strahlend und veränderlich geschildert. Ihr Glanz sei herrlich über alle Beschreibung, sie erscheinen als strahlende Herrlichkeiten von Farben und Formen vollendetster Schönheit zugleich. Ihre Gegenwart läßt die Nähe Gottes verspüren.

So sind die Engel Boten der Freude, des Lichtes, der Kraft, der Güte und Schönheit Gottes. Die Erhabenheit ihres Wesens ist bedingt durch ihr Leben in Gott, denn sie sind strahlend durch Sein Licht, dem sie wesentlich näher stehen als wir Menschen.

Auch der Engelwelt kommt eine geschöpflich-hierarchische Ordnung zu. Nach überlieferten Schriften haben die Kirchenväter schon früh auf Grund der neun Namen, die in der Heiligen Schrift genannt werden, sie die neun Chöre der Engel genannt: Engel, Erzengel, Throne und Herrschaften, Fürstentimer, Kräfte, Obrigkeiten, Cherubim und Seraphim.

Die Reihenfolge ist zugleich eine gradweise. Die Seraphim sind die höchsten Geistwesen; die Engel stehen auf der untersten Stufe dieser Einteilung.
Die tiefsinnigen Spekulationen der Theologen, besonders des Mittelalters, haben innerhalb der Chöre noch besondere Beziehungen festgestellt und die Aufgabe sowie den Wirkungsbereich der neun Chöre zu erkennen versucht. Wenn solche Spekulationen und Erwägungen auch die Gefahr einer allzu intellektuellen und schematisierenden Betrachtung in sich bergen, denn in jeder Systematisierung erstarrt schon das Begreifen des natürlichen Lebens, geschweige denn das des übernatürlichen, so vermögen sie uns doch andererseits wieder gewisse Einsichten zu geben.

Um solche Ordnungen und Auslegungen von Daseinsformen, die weit über unser irdisches Verstehen hinausreichen, richtig erfassen zu können, müssen wir innerlich  selbst lebendig sein und sie als bloße Hilfsmittel betrachten, um so eine tiefere Einsicht in das wahre Leben zu erhalten.

Wie rätselvoll dem Menschengeist die erhabensten Geistwesen, z. B. die Seraphim, sind, geht aus der eingangs erwähnten Vision des Propheten Jesajas hervor. Ebenso ist die gewaltige Schau des Propheten Ezechiel über die Cherubim voll des menschlich Unbegreiflichen. Die Kirchenväter haben sich lange und eindringlich in ihren Schriften mit diesen hohen Wesen befaßt_ Auch eine Vision der deutschen Mystikerin Hildegard von Bingen schildert ein flammendes Bild der Engelchöre.

Wir dürfen in Demut erkennen, daß auch in der Welt der Engel Ordnungen walten, eine der anderen übergeordnet, bis sie sich für unser winziges Erfassenkönnen in strahlender Helle verlieren und wir nur noch Namen unterscheiden können. Bildlich gesprochen umkreisen die Engelchöre Gott, das lebendige Licht, und dieses lebendige Licht Gottes erleuchtet sie alle, ihre Kreise-durchdringend und jedem Chor je nach seiner Erfassenskraft die Erleuchtung spendend. Das durch die Chöre der Engel fließende Licht der Gottheit ist es, das die Schöpfung in Ordnung und am Dasein erhält.

Darum ist die Hilfe der Engel so groß und ihr Wirken so bedeutsam. Es ist bedeutsam für die Schöpfung und für alle Wesen, die darin ihr Dasein finden, und damit. auch für uns Menschen. Es sind die Engel, die uns das Licht Gottes, Seine Kraft und Sein Leben näherbringen. Seien wir ihnen daher dankbar für ihre Mühe und entgelten wir diese durch höchste Verehrung und bewußte Verbindung mit ihnen, nicht nur während der heiligen Messe, sondern stets und immerwährend in unserem Leben. Dadurch wird auch in unser persönliches Dasein ein heller Strahl ihres Glanzes fallen und es erfüllen mit göttlichem Leben.


aus der Zeitschrift "Die Kirche",16. Jahrgang, Ausgabe September 1969


 
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